Industrie 4.0: “Nur gemeinsam gelingt die Komplettlösung”
Die Swissmechanic-Sektion Zentralschweiz setzt in ihrem Ausbildungszentrum eine virtuelle Fabrik um und nahm dies zum Anlass, die Erfahrungen mit einem grösseren Publikum zu teilen. Der Tenor, der auch die Vorstellungen der Generation Z und den Grundsatz der Selbstorganisation zugleich abbildet: Alle Digitalisierung und Automatisierung nützt nichts, wenn nicht alle Beteiligten die gewünschte Lösung gemeinsam erarbeiten.
«Als üK-Zentrum und Zentralschweizer MEM-Verband gehen wir mit der Wirtschaft gemeinsame Wege und wollen unsere künftigen Fachkräfte aktiv auf die Zukunft vorbereiten. Nicht zuletzt soll unser Konzept den Unternehmern aufzeigen, wie die vorhandenen Infrastrukturen und Daten mit der digitalen Welt effizient genutzt werden können.» Das stand auf der Einladung zum Netzwerkanlass vom 21. Juni 2024 der Sektion
Zentralschweiz, der unter dem Motto «Herausforderung als Chance –Digitalisierung und Automatisierung in der Berufs- und Weiterbildung sowie in Unternehmen» stand. Am Anlass nahmen rund 70 Interessierte aus verschiedenen Kantonen teil.
Engagiert und ausgezeichnet
Der Gastredner, Regierungsrat Dr. Armin Hartmann, sprach in seinem Referat über den Wirtschaftsstandort Luzern, der sich zuletzt dank guter Standort-Promotion positiv entwickelt habe. Weiter äusserte er sich zum Fachkräftemangel. «Wenn Fachkräfte fehlen, sind Automatisierung und Digitalisierung eine gute Antwort. Entscheidend ist aber, die Generationen Z und Alpha überhaupt zu erreichen.» Hier leiste Swissmechanic Zentralschweiz vorbildliche Arbeit. In diesem Zusammenhang lobte der Bildungsdirektor die innovative und Anfang November 2022 vom Schweizerischen Verband für interne und integrierte Kommunikation mit der «Goldenen Feder» ausgezeichnete Berufsmarketingkampagne MEMo und MEMa sowie die erfolgreiche Einführung des Erlebnistages Berufswelt. Dieser wurde im Auftrag des Kantonalen Gewerbeverbandes Luzern (KGL) und in enger Zusammenarbeit mit der ICT Zentralschweiz organisiert. Er findet bei verschiedenen Berufsverbänden in deren Ausbildungszentren statt und bietet Jugendlichen wie Lehrpersonen der 6. Primarklasse die Möglichkeit, die Berufswelt hautnah zu erleben und zu erkunden. Die erste Ausgabe fand 2023 statt und stiess auf sehr grosses Interesse. Dieses Jahr wird er an zwei Tagen durchgeführt. Die Luzerner Erlebnistage der Berufsbildung finden am 19. und 20. September 2024 statt.
Ausbildungszentrum für die Zukunft rüsten
Im Hinblick auf die Umsetzung der Berufsrevision FUTUREMEM, die im Rahmen der Handlungskompetenzen im Bereich Automatisierung für Polymechaniker/-innen vorsieht, dass sie Roboter zur Produktion von Produkten der MEM-Industrie einsetzen, und für Automatiker/-innen, dass sie automatisierte Anlagen mit Robotern ergänzen, möchte die Sektion Luzern diese Module im Ausbildungszentrum anbieten. Begleitend dazu wird auf TopSolid das ganze Ausbildungszentrum bis Ende 2024 als virtuelle Fabrik abgebildet werden. Das neu erstellte TopSolid-Modell hilft dann auch bei der Planung neuer Einrichtungen. Unterstützt wird die Sektion Zentralschweiz bei der Umsetzung von den Unternehmen TopSolid Switzerland AG, Gremotool AG, Staveb Automation AG und Georg Fischer AG, die ihre Dienstleistungen zur Verfügung stellten. Deren Vertreter präsentierten am Netzwerkanlass in einer Talkrunde ihren konkreten Beitrag zur Automatisierung, Digitalisierung, Robotik und der virtuellen Fabrik.
Planen und simulieren
Luca Ruggiero, Head of Sales & Marketing und Member of the Executive Board bei TopSolid Switzerland AG, hatte die Aufgabe, das üK-Center auf TopSolid virtuell abzubilden. Philipp Hugentobler von der Gremotool AG übernahm die praktische Umsetzung. Nach insgesamt zwei Tagen Basisarbeit und drei Tagen Umsetzung war der Datenzwilling realisiert. Die Herausforderungen waren dabei, die Daten zu finden und das Herunterladen korrekter Daten in guter Qualität. Die Anwesenden erhielten einen kurzenEinblick in die Visualisierung.
Was aber bringt die Digitalisierung überhaupt? Die Digitalisierung helfe, so Luca Ruggiero, Kosten zu senken und die Effizienz zu steigern. Weil man simulieren kann, macht man weniger Fehler. Man kann verschiedene Szenarien durchtesten und herausfinden, was wirklich das Optimalste ist. So erreicht man eine grössere Qualität. Man kann simulieren und die Maschinen später firmenspezifisch untereinander vernetzen.
René Baumann, Geschäftsführer der Gremotool AG und Dozent der Fächer Industrie 4.0 und Prozesstechnik im Studiengang Maschinenbau HF am BZT Frauenfeld sowie für Handling Systems in Luzern, bekräftigte, der Nutzen einer Digitalisierung sei gewaltig. Die Herausforderung für KMU sei, wo man mit dem Aufbau beginnen soll. Seine Studierenden –Vertreter der Generation Z und im Studium selbstorganisiert arbeitend – zeigten vor Ort, wie man eine digitale Fabrik aufbaut und realistisch und kostengünstig umsetzt.
Programmieren und Kommunikation
Philipp A. Walden, CEO und Inhaber der Staveb Automation, schilderte, er habe sich gesagt: «Wenn Robotik in die Swissmechanic kommt, dann möchte ich da mitmachen!» Wichtig sei, so Walden, zu zeigen, wie das in der Praxis funktioniert. Die Zusammenarbeit mit dem Maschinenlieferant GF sei hochspannend und sehr wertvoll gewesen. Das Programmieren selbst sei mit einem Zeitaufwand von ein paar Stunden der kleinste Aufwand. Das Aufwendige sei die Kommunikation – die Maschine zu eruieren, die technischen Daten zu erhalten, die Schnittstelle zu installieren, die Schnittstelle zu testen, die Maschine nachzurüsten etc. Insgesamt sei das ein Aufwand von zwei-drei Wochen. Man dürfe das nicht unterschätzen. Praktische Fragen wie «Wie greife ich das Teil, wo lege ich es ab?» – das seien die Herausforderungen.
Roboter und Teamarbeit
Florian Alber, Sales Manager Tooling & Automation (System 3R) bei der Georg Fischer AG, betonte, dass Digitalisierung und Automation alleine nichts bringen. Wichtig sei die Teamarbeit mit den Kunden zusammen. KI, Digitalisierung und Automatisierung – im Vordergrund seien immer die Menschen. «Wenn wir gemeinsam eine Lösung finden, dann erst funktioniert es!» Wichtig seien der Einbezug der Mitarbeitenden und die Abläufe. «Miteinander schafft man die Komplettlösung, sonst bringt das gar nichts.»
René Baumann pflichtete bei. Er nahm Bezug auf einfache, komplizierte und komplexe Prozesse. Man müsse komplexe Prozesse einfach darstellen. Es gehe darum, Bedürfnisse und Voraussetzungen in Zusammenarbeit aufzuzeigen und im Prozess abzubilden, dann werde man effizient.